5. September - schnell durch den Deister

5. September - schnell durch den Deister

5. September - schnell durch den Deister

Beim Frühstück treffe ich auf eine Psychologin aus München, die hier aufgewachsen ist und gerade ihre Mutter besucht. Das Gespräch ist sehr interessant für uns beide. Ich erzähle von freier Demokratischer Schule und von Geologie und sie erzählt von Psychoanalyse und Dinosaurierspuren hier aus der Gegend. Ich komme viel zu spät los.

Bad Nenndorf ist nicht groß und wirkt als wäre die gute alte Zeit hier irgendwann stehen geblieben. Therme, Tanzbar und Kurpark sind piefig und deutsch und wunderschön.

Der Weg in den Deister, mein erstes Mittelgebirgchen, ist kurz. Der Weg nach Bad Münder ist lang. Im Kurpark zuvor gibt es noch eine Fotoausstellung zur Süntelbuche, einer seltenen, kurzen Rotbuchen-Varietät mit Drehwuchs. In Bad Nenndorf gibt es die einzige Süntelbuchenallee.

Im Deister treffe ich dreimal Jens. Beim dritten Mal reden wir miteinander. Er läuft einen anderen Weg als ich. Vor allem will er heute noch nach Hannover – das sind 50 km! – zur goldenen Hochzeit seiner Tante. Aber er scheint in Übung zu sein. Er erzählt von vielen Wanderungen, die er gemacht hat. Er bleibt gern im “Training”, wie er sich ausdrückt. Außerdem haben wir offenbar eine ähnliche Art zu wandern: Wir sind beide sehr reduziert unterwegs, aber keine Minimalisten. Wir schlafen beide gern draußen, sind aber keine Survival-Typen und auch nicht zu dogmatisch in allem. Und vor allem: Wir machen unsere Wanderungen eben einfach, wenn wir Lust dazu haben und es irgendwie passt.

Auf dem Weg durch den Deister gibt es zwei Aussichtstürme, an denen man auch direkt vorbei kommt: den Nordmannturm und den Annaturm. Beide haben auch eine Einkehrmöglichkeit. Aber das Wetter ist schlecht und ich habe es eilig. Bis um 19 Uhr soll ich in meiner Unterkunft sein in Bad Münder. So lasse ich die Türme links liegen und beeile mich durch den Regen zu kommen. Immer wieder mache ich Pausen in Schutzhütten oder auf meinem Rucksack zusammengekauert sitzend unter dem Regenschirm.

Kurz vor Bad Münder nimmt der E1 noch einen großen Bogen, der sich aber landschaftlich lohnt. Tolle Ausblicke und noch mal eine ganz andere Flora. Riesige Buchen und Eschen prägen am Südhang des Deisters das Bild. Wahnsinnig hohe Stämme, die bis in 15 Meter Höhe ohne Äste auskommen. Ein gewaltiger Anblick.

In Bad Münder treffe ich zwei betrunkene Männer, beide etwa dreißig, die mich ansprechen und ausquetschen. Sie können das alles gar nicht glauben. So weit kann man gar nicht zu Fuß gehen! – und damit meinen sie von Bad Nenndorf bis hierher. Als ich von der Strecke Hamburg nach Bad Münder erzähle wird einer von ihnen ganz wehmütig. Er ist Dachdecker-Meister und wollte als Geselle unbedingt auf Walz gehen, doch sein Vater hatte es ihm verboten. Und er hatte sich offensichtlich daran gehalten. Er soll irgendwann mal die Firma übernehmen. Er will mit mir Bier trinken und kann erst gar nicht verstehen, dass ich nur in meine warme Pension und ins Bett will. Als ich ihm zum Abschied rate wenigstens seine späteren Gesellen auf die Walz zu schicken sagt er: “Nein! Die brauch ich dann doch selber!” Ein Treppenwitz.
Die beiden wollen jetzt noch nach Hameln zum Feiern. “Wie das denn?” denke ich noch, bin dann aber schon in Gedanken bei Familie Pöhler in der Pension. Und es dauert dann auch nur noch 10 Minuten. Es ist 20 Uhr.
Ich bekomme ein Zimmer, Abendbrot, Früchtetee, ein paar schrille Geschichten und bin schon bald eingeschlafen.