3. September - maritim waschen in Steinhude

3. September - maritim waschen in Steinhude

3. September - maritim waschen in Steinhude

Am nächsten Morgen geht es bis Bordenau, wo das Geburtshaus von General (oder was der war) Scharnhorst steht. Hier in Bordenau sitze ich im Café von Astrid, die sich mit 52 Jahren endlich selbstständig machte und nun vor allem Torten verkauft, “jeden Tag zwei andere und nicht immer das Gleiche. Inzwischen sogar bis Hannover!”. Sie möchte unbedingt noch mal in ihrem Leben mit dem Wohnmobil durch Kanada reisen und bittet mich explizit in 3 Jahren noch einmal vorbei zu kommen und zu überprüfen, ob sie es auch wirklich gemacht hat. Es gibt Tee (“Vorsicht, der hat Koffein!”) und Schokocroissants vom Vortag zum halben Preis. Gibt aber auch welche von heute. Ich lade mein Telefon auf.

Weiter geht’s dann durch Poggenhagen. Die Häufigkeit der Markierungen für den E1 lassen hier sichtlich nach. Heute ist die Strecke gekennzeichnet von viel Asphalt. Vorbei geht’s am Militärflughafen, der manchmal unheimlich laut dröhnt.

In Steinhude macht man auf maritim, obwohl das Steinhuder Meer gar keines ist. Es gibt viele Touristen, selbst wenn die Saison schon ein bisschen vorbei ist. Und die Wespen haben hier noch nicht gemerkt, dass sie eigentlich schon hätten sterben sollen. Es ist alles voll.

Das Steinhuder Meer ist wirklich schön und beim Betreten der Flaniermeile bekomme ich einen Gutschein in die Hand gedrückt für den Fischimbiss (50ct = 1DM), wo fritierter Fisch mit Pommes regulär 7,50 € kostet – ein Schnäppchen (gegenüber Kopenhagen)!

Die Damen in der Touristen-Information sind ausgesprochen nett. Es gibt zwar keinen Waschsalon in Steinhude, aber einen Wohnmobil-Stellplatz. Der ist ausgesprochen ungemütlich aber – Jackpot! – Dusche für 1€, Waschmaschine für 2,50€ und Trockner ebenfalls für 2,50€. Außerdem gibt es Steckdosen für Telefon und externen Akku. Vor mir ist leider noch jemand am Waschen und so dauert alles in allem volle 5 Stunden.

Es gibt zwei Kleidungsstücke, die ich nicht waschen möchte: Meinen Wollpullover und meine Badehose. So sitze ich mit Shorts und Grobstrick (unten kalt und oben heiß) und warte auf die Wäsche während sich die Damen und Herren auf den Klappstühlen vor den Klapptischen vor den Wohnmobilen langweilen.

Irgendwann gehe ich los, es ist schon spät.
Es geht entlang am Steinhuder Meer und es kommt erstmal ein ordentlicher Schauer herunter. Ich treffe Torsten, der angelt. Er erzählt mir unaufgefordert aus seinem Leben. Es ist sehr spannend. Torsten ist 43, war als Jugendlicher Straßenpunker. Hafenstraße, Mainzer Straße, im Winter schlafen in U-Bahnschächten. “Wenn ich darüber erzähle ist es wie aus einem Buch zu erzählen. Aber das war ja ich!”

Seine Schwester hat ihn dann irgendwann von der Straße gerettet. Sie ist jetzt tot. Autounfall. Beifahrer. Ihr ältester Sohn ist dann auch gestorben. Autounfall. Beifahrer. Es ist tragisch und schmerzlich mir all das anzuhören. Doch Torsten ist vergnügt. “Solang ich angeln kann… Das ist mein Ausgleich.” Er arbeitet als Kücheninstallateur im Umkreis von 100 km und braucht das Angeln. “Fisch mag ich aber nicht”. Den essen Frau und Kind. Alle wohnen nahe dem Steinhuder Meer und irgendwie ist er das immer noch: Punker. Mit Anstand. Und er ist begeistert von meiner Reise. Findet er geil.
Dann warnt er mich noch vor einem herabstürzenden Ast und möchte dann, dass wir Facebook-Freunde werden. Gut.

Ich ziehe weiter, höre die Brass-Band “Blue Bandits” beim Proben – ein Hochgenuss – und gehe Richtung Wald. Ich habe Zeit verloren bei Torsten und es ist schon dunkel. Nachts im dunklen Wald wird man ängstlicher als man möchte. Zunächst kommt mir ein Auto entgegen und ich verlasse den Wald wieder, da das Auto auf dem Waldweg stehen bleibt. Ich möchte nicht vorbei gehen. Ich suche einen anderen Weg. Im Wald ist alles voller Geräusche. Mit der Taschenlampe finde ich eine geeignete Stelle zum Schlafen. Dann passieren zwei Dinge nacheinander, die in einen guten oder schlechten Horrorfilm passen würden:

  1. Ich finde aus Stöckchen gebastelte merkwürdige Dinge

  2. Meine Taschenlampe versagt

Dann muss ich alle meine Hollywood-Vorstellungen aus meinem Gehirn schmeißen. Ich baue im Kerzenschein ein Biwak auf und nachdem ich erstmal liege kann ich auch gut schlafen.